Beschleunigen, optimieren und „echt Zeit“ sind Worte, welche benötigt werden um den Kostenaufwand zu rechtfertigen, die IT oder die Prozesse zu digitalisieren. Wobei digital sind viele jetzt schon, nennen wir es digital anpassen oder upgraden. Das ist schön und gut, die Pläne sehen sauber aus und wir können tatsächlich optimieren – waren meine letzten Worte im Gesamtfazit. Doch dann bremste ich die Teilnehmer in der Motivation und stellte die Frage in den Raum:

Aber was ist mit den Mitarbeitern? Die kommen doch gar nicht so schnell hinter her, wie die Maschine den Input erwartet?

Wir ließen diese Frage im Raum stehen und einigten uns darauf, diese Frage mitzunehmen. Bei mir brannte sich daraus folgend die Frage ein:

Ist die Digitalisierung zu schnell für uns?

Ja, ist sie. Und wir wissen viel zu oft gar nichts mit ihr anzufangen. Ähnlich wie eine Rentnerin mit Mitte 80 nicht unbedingt weiß, was sie mit einem Ferrari anfangen soll, so geht es dem Rest der Gesellschaft mit der Digitalisierung. Für die Nutzer und Anwender optimieren sich meist die Anwendungen, aber die internen Prozesse interessieren meistens keinen. Ein Redakteur erstellt einen Artikel und klickt auf Publizieren. Das ist in seiner Aufgabe das Ziel, das er alle zwei Jahre ein neues Tool bekommt um diesen Prozess durchzuführen, nervt. Gesellschaftlich betrachtet sind wir nicht in der Lage, der Technik in dieser Geschwindigkeit zu folgen. Wer kauft denn schon jedes Jahr ein neues Endgerät mit der aktuellsten Software und Technik? Zwangsweise leben wir also immer der Technik hinter her. Und im Alter wird es schwerer, die Wissenslücken in Bezug auf die Technik der letzten Innovationen noch aufzufrischen.

Auf meiner Recherche stolperte ich über ein sehr gutes Beispiel. Der Videorekorder. Menschen, mit 60 Jahren, die einen Kassetten-Videorekorder nutzten, sahen keinen Grund, auf DVD und oder HDD umzusteigen. Gute 10 Jahre liefen die Geräte noch und plötzlich waren sie defekt. Ein neues Gerät musste her. Doch den gewohnten Videorekorder mit Kassette gab es nicht mehr. Sie wurden also überredet, wenn überhaupt, einen HDD Rekorder oder DVD Rekorder zu kaufen. Die übliche Aufnahmefunktion (Zeit, Datum – von bis – Kanal) gab es nicht mehr. Man konnte direkt im Fernsehprogramm auswählen, was man aufnehmen möchte. Das Fazit: Es werden weniger Filme aufgenommen und weniger Geräte (unabhängig von den Kombigeräten aktuell) verkauft.

In verschiedenen Bereichen ist die Geschwindigkeit der Digitalisierung jetzt schon sehr unterschiedlich. Nehmen wir allein den Unterschied zwischen Banken, Fintechs und Behörden. Auf der einen Seite wird der Bürger darauf trainiert, auf dem Smartphone Aktien zu handeln, Überweisungen zu tätigen und gleich einen Ansprechpartner zu kontaktieren, auf der anderen Seite stellt er sich dann immer häufiger die Frage, wieso muss ich eigentlich einen Tag Urlaub nehmen wenn ich mich ummelden möchte oder einen Behindertenausweis beantragen will. Wir können per App bestimmen, wann der richtige Zeitpunkt ist, Kinder zu bekommen. Aber wir stehen beim Ordnungsamt 2 Stunden in der Schlange!?! Verrückt!

Weiterhin machte ich mich auf die Suche, ob es eigentlich eine Initiative gibt, die den Menschen im Vordergrund sieht, im ganzen Digitalisierungsprozess. Wer stellt eigentlich den Menschen in den ganzen Ideen in den Vordergrund?

Man zwingt uns eine Geschwindigkeit, Unruhe und Rastlosigkeit auf, die meines Erachtens nicht gesund ist.

 

Interessanter Beitrag von Precht dazu

 

Angelo